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Nirgendwo in Europa wohnen Jugendliche so lange im "Hotel Mama" wie in Italien. Ein Problem, dessen sich nun sogar Regierungschef Monti annimmt. Er fordert, die Jugend solle flexibel sein und nicht von einer lebenslangen Festanstellung träumen. Doch damit zieht er sich den Zorn einer ganzen Generation zu.
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom
Kein Witz: In Venedig versuchen Eltern ihren 41-jährigen Sohn per Klage dazu zu bringen, endlich auszuziehen. Solche Meldungen verfestigen das Klischee von den italienischen Muttersöhnchen.
Ornella Chiappetta ist Lehrerin und Mutter eines erwachsenen Sohnes, der natürlich noch zu Hause lebt: "Natürlich sind nicht alle so", sagt sie. "Aber es ist schon wahr, dass es viele Kinder gibt, die sich einrichten in einer Situation, in der sich Mama und Papa um alles kümmern. Man kann ausgehen, bekommt Geld von den Eltern. Ja, die gibt's leider auch."
Ein Minister taufte die italienischen Nesthocker einst "Bamboccioni" - das heißt große Babys. Und die Regierung Monti scheint es sich zum Ziel gesetzt zu haben, das italienische Familienidyll etwas aufzumischen. Innenministerin Anna Maria Cancellieri beschreibt das so: "Wir Italiener sind ein bisschen unbeweglich. Mental auf die feste Stelle fixiert, am besten in der eigenen Stadt, an der Seite von Mama und Papa."
[Bildunterschrift: Kritisiert den Traum vieler Jugendlicher nach einer lebenslangen Festanstellung: Regierungschef Monti ]
Mit diesem Satz wollte die Ministerin ihrem Chef zur Seite springen. Ministerpräsident Mario Monti hatte vor einer Woche den "Traum von einer lebenslangen Festanstellung" als unrealistisch abqualifiziert - und monoton sei das ja auch. Damit hat sich der Ministerpräsident den Zorn einer ganzen Generation zugezogen. Überall, wo Regierungsmitglieder gerade auftreten, müssen sie mit Studentenprotesten rechnen, so wie Arbeitsministerin Elsa Fornero in Turin. Sie sagt, es ginge um Chancen für alle und nicht um eine "lebenslange Festanstellung". Das könne doch niemand heute versprechen. "Das ist doch illusorisch", meint sie.
Die jungen Italiener wären auch mit weniger zufrieden. "Ein Drittel von ihnen ist arbeitslos und die meisten anderen kommen mit befristeten Jobs gerade so über die Runden", sagt Salvatore, 27 Jahre alt. "Gestern Abend hat mir eine Freundin erzählt, dass sie im Dezember die ganze Zeit zu Hause bleiben musste, weil ihr Vertrag ausgelaufen war." Sie sei erst im Januar wieder in die Firma aufgenommen worden. Er fragt sich: "Wie soll man sich da ein unabhängiges Leben aufbauen, wenn man nie unbefristete Verträge bekommt? Maximal ein halbes Jahr, dann die Entlassung und Wiedereinstellung."
[Bildunterschrift: Viele Italiener müssen mit Gelegenheitsjobs und befristeten Beschäftigungen auskommen, zum Beispiel als Verkäufer auf einem Markt in Rom. (Archiv) ]
"Die einzige Festanstellung gibt's eben bei Mama und Papa", witzeln die Italiener und versuchen so die Tatsache, dass sie deutlich länger als alle anderen Europäer zu Hause wohnen, ökonomisch zu erklären.
Doch das sei nur ein Teil der Wahrheit, sagt Salvatore, der selbst kein "Bamboccione" ist, er hat in Holland studiert: "Im Ausland ist mir klar geworden, dass ich praktisch jeden Tag mit meinen Eltern via Skype spreche, während ein englischer Freund (vielleicht ist das ein bisschen extrem) praktisch nie mit zu Hause telefoniert. Also wir sind kulturell mehr an die Familie gebunden, aber auch ein bisschen gegen unseren Willen."
Viele junge Italiener sind wesentlich flexibler, als es der eigenen Regierung lieb sein kann. Sie kehren Italien gleich ganz den Rücken. Salvatore sucht jetzt eine Stelle in Holland - von wegen Mama-Söhnchen.
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